Rolf Krenzer

Anna und Jonathan

Am schönsten ist schulfrei
ISBN: 978-3-7840-3205-4
Preis: 5,90
Verlag: Lahn-Verlag

Wenn Jonathan morgens sein Frühstück in die Schultasche steckt, sagt Anna: »Ich möchte auch zur Schule gehen!« »D... mehr

Lebenswelten


Rolf Krenzer

Anna und Jonathan

Am schönsten ist schulfrei
ISBN: 978-3-7840-3205-4
Preis: 5,90 Euro
Verlag: Lahn-Verlag

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Am schönsten ist schulfrei

Wenn Jonathan morgens sein Frühstück in die Schultasche steckt, sagt Anna: »Ich möchte auch zur Schule gehen!«
»Du gehst doch in den Kindergarten!«, sagt Mutti. »Nächstes Jahr kommst du auch in die Schule.«
»Ich möchte aber jetzt zur Schule gehen!«, sagt Anna.
Doch Mutti schüttelt den Kopf. Dann nimmt sie Anna an der Hand und bringt sie zum Kindergarten. Und Jonathan läuft allein mit seiner Schultasche zur Schule.
Jeden Tag bettelt Anna: »Jonathan, nimm mich doch einmal mit in die Schule! Nur einmal!«
Jonathan schüttelt den Kopf. »Frau Lachmann erlaubt es bestimmt nicht!«
Frau Lachmann ist Jonathans Lehrerin.
»Sie erlaubt es bestimmt!«, meint Anna. »Weil sie so lustig heißt, wird sie auch ja sagen.«
»Sie heißt nur so«, sagt Jonathan. »So lustig ist sie gar nicht. Nur manchmal.«
»Nur einmal!«, bettelt Anna.
»Hm!«, brummt Jonathan und hat gar keine Lust, Frau Lachmann zu fragen. Sicher wird Frau Lachmann nein sagen. Schließlich gehören kleine Kinder noch nicht in die Schule.
Mutti nimmt Anna an die Hand und bringt sie zum Kindergarten. Jonathan nimmt seine Tasche und macht sich auf den Schulweg. Er dreht sich noch einmal um.
»Kinder, die zur Schule gehen, werden nicht von ihren Muttis gebracht!«, schreit er hinter ihnen her.
Nie im Leben wird Jonathan Frau Lachmann fragen. Aber von seiner kleinen Schwester erzählen, das kann er.
»Wie heißt sie denn?«, fragt Frau Lachmann.
»Anna«, antwortet Jonathan, »und jeden Morgen will sie mit in die Schule!«
»Du kannst sie ja mal mitbringen«, sagt Frau Lachmann freundlich, »vielleicht am Donnerstag?«
Jonathan nickt. Er kann nichts sagen. So sehr freut er sich. Und wie wird erst Anna sich freuen!
»Donnerstag gehe ich zur Schule!«, jubelt Anna und tanzt durch das Zimmer. Aber nun braucht sie eine Schultasche. Und Stifte und Hefte und ein Lesebuch und ein Rechenbuch. Auch ein Frühstück für die Pause!
»Du kannst doch die Kindergartentasche mitnehmen«, schlägt Vati vor.
Da muss Anna fast weinen. Sie will doch zur Schule, nicht zum Kindergarten!
»Ich hab doch nur Spaß gemacht!«, sagt Vati schnell und drückt sie. Dann schenkt er ihr ein Mäppchen und ein Heft und viele neue Malstifte. Am Mittwoch bringt er Anna sogar eine kleine Schultasche mit. Nicht so groß wie die von Jonathan, aber doch eine Schultasche. Sie ist gerade so groß, dass Annas neue Sachen alle hineinpassen. Und so leicht ist sie, dass Anna sie ganz allein tragen kann.
Am Mittwoch kann Anna abends nicht einschlafen. Immer muss sie an die Schule denken. Vati und Mutti müssen ihr drei Gutenachtgeschichten vorlesen, bis Anna endlich eingeschlafen ist.
Am Morgen ist Anna schon ganz früh wach. Sie weckt Vati und Mutti. »Heute gehe ich zur Schule!«, ruft sie glücklich.
Anna kann nur ganz wenig frühstücken. So aufgeregt ist sie. Dann holt sie ihre Schultasche. Jonathan nimmt Anna an die Hand und geht mit ihr zur Schule.
An der Fußgängerampel wartet Fabian. Fabian ist Jonathans bester Freund. Sie gehen immer zusammen zur Schule. »Musst du deine kleine Schwester zuerst in den Kindergarten bringen?«, fragt Fabian erstaunt.
»Ich gehe heute auch in die Schule!«, sagt Anna und gibt Fabian die Hand. So gehen sie alle drei Hand in Hand über die Kreuzung. Jonathan ist froh, dass sein Freund dabei ist. Da ist es gar nicht so schlimm, mit einer kleinen Schwester an der Hand in die Schule zu kommen. Fabian hat sie ja an der anderen Hand.
»Das ist Anna!«, erklärt Fabian im Schulhof den anderen.
»Sie ist meine kleine Schwester!«, fügt Jonathan hinzu.
Und Anna sagt froh: »Ich darf heute einmal in die Schule gehen!« Da fragen die anderen nicht weiter.
»Schön dass du da bist, Paula!«, sagt Frau Lachmann und gibt Anna freundlich die Hand.
Anna muss so lachen, dass sie sich fast verschluckt.
»Sie heißt Anna!«, ruft Fabian.
»Sie heißt doch Anna!«, schreien die Mädchen und Jungen in der Klasse und lachen laut.
»Richtig, Anna!«, sagt Frau Lachmann und fasst sich an den Kopf. »Das hatte ich fast vergessen!«
Sie deutet auf einen Stuhl in der zweiten Reihe. »Setz dich zu Vanessa!«
Vanessa lacht Anna zu. »Sie macht immer Spaß!«, sagt sie leise.
»Sie heißt ja auch Frau Lachmann!«, meint Anna.
Da muss Vanessa so laut lachen, dass Frau Lachmann sie ganz erstaunt ansieht. »Was ist los?«, fragt sie.
»Sie muss nur lachen«, sagt Anna.
»Wir haben uns heute noch gar nicht begrüßt!«, sagt Frau Lachmann.
Da stehen alle Schülerinnen und Schüler auf, geben sich die Hände und rufen ganz laut: »Guten Morgen, Frau Lachmann!«
»Guten Morgen!«, sagt Frau Lachmann. »Guten Morgen, Anna!«
Anna ist jetzt eine richtige Schülerin. Sie steht zwischen Vanessa auf der einen Seite und Lara auf der anderen. Vanessa hat ganz helle, glatte Haare. So helle Haare wie die von Lars im Kindergarten. Lara hat schwarze Krusselhaare. Die passen gut zu ihrem schwarzen Gesicht und den schwarzen Armen und Händen. Es ist schön, zwischen Vanessa und Lara zu stehen und ihnen die Hände zu geben. Dann singen sie alle ein Morgenlied. Frau Lachmann steht vor der Tafel und dirigiert den Schülerchor.
»Setzt euch!«, sagt Frau Lachmann dann. »Zeigt mir jetzt eure Hausaufgaben!« Da packen die Kinder ihre Hefte aus und legen sie aufgeschlagen auf die Schülertische. Gut, dass Anna gestern extra noch ein Bild für Frau Lachmann gemalt hat. Frau Lachmann geht von einem Tisch zum anderen. Wer alles gut gemacht hat, bekommt mit einem Stempel einen kleinen Stern unter seine Aufgaben gedrückt. Aber als sie zu Sven kommt, schimpft sie. Sven hat seine Aufgaben schon wieder vergessen. Er steht auf und hat einen ganz roten Kopf. Anna kann nicht hinübersehen. Sven tut ihr so leid.
Dann steht die Lehrerin neben Anna. »Das ist aber ein schönes Bild!«, meint sie.
»Ich habe es für dich gemalt«, sagt Anna leise.
»Für Sie!«, verbessert Vanessa sie.
»Ja, für Sie!«, sagt Anna rasch.
»Danke!«, lacht Frau Lachmann und gibt Anna die Hand. Dann nimmt sie das Bild und steckt es in ihre Tasche, und Anna blickt ganz stolz zu Jonathan hinüber. Jonathan nickt ihr zu und grinst.
Jetzt sollen alle ihr Lesebuch herausholen. Jeder darf ein paar Sätze vorlesen. Vanessa schiebt ihr Lesebuch zu Anna hin, damit sie beide hineinsehen können. Schade, dass Anna noch nicht lesen kann. Aber sie hört gut zu und sieht sich das Bild auf der einen Seite genau an. »Nächstes Jahr lerne ich auch lesen!«, flüstert sie Vanessa zu.
Dann rechnet Frau Lachmann mit ihrer Klasse. Sie schreibt auch ein paar Rechenaufgaben an die Tafel. Die Kinder schreiben sie ab und rechnen sie in ihrem Heft aus. Für Anna hat Frau Lachmann extra ein Blatt zum Ausmalen mitgebracht. Anna ist so froh, dass sie ihre neuen Malstifte nun auch wirklich gebrauchen kann.
Als es zur Pause klingelt, stürmen alle hinaus. Jonathan und Fabian suchen nach Anna. Jonathan sollte doch gut auf sie aufpassen. Das hat er Mutti versprochen. Aber die Mädchen haben Anna gleich mitgenommen. Drüben stehen sie alle zusammen und lachen und schwätzen. Anna steht mitten unter ihnen. Jonathan ist richtig froh, als er sie dort drüben im Pausenhof sieht. So braucht er sich keine Sorgen zu machen, dass sie unter denen ist, die sich auf der anderen Seite des Schulhofs prügeln.
Zwei Jungen liegen auf der Erde und schlagen aufeinander los. Viele Kinder stehen schreiend um sie herum und wollen, dass sie noch weiterkämpfen. Aber dann kommt ein Lehrer dazu. Da laufen alle schnell auseinander. Auch die beiden Streithähne stehen schnell auf und tun so, als wäre nichts gewesen.
Nach der Pause dürfen alle malen. Frau Lachmann teilt die Farbkästen mit den Wasserfarben aus. Lara darf jedem etwas Wasser in das kleine Glas schütten. Schade, dass Vati keine Wasserfarben für Anna mitgebracht hat.
»Du kannst bei mir mitmalen!«, sagt Lara von der einen Seite. »Wir teilen uns meinen Pinsel!«, sagt Vanessa von der anderen.
»Ich leihe dir meinen Pinsel!«, sagt Frau Lachmann.
Anna ist viel schneller fertig als die anderen. Im Kindergarten kann man dann aufstehen und nachschauen, was die anderen gemalt haben. Ob man das auch in der Schule darf? Jonathan hat einmal gesagt, dass man in der Schule immer an seinem Platz bleiben muss.
»Du bist schon fertig?«, fragt Frau Lachmann und betrachtet Annas Bild. »Es ist schön geworden! Gefällt es dir in der Schule?« Anna nickt.
»Nur ein bisschen lang?«, fragt Frau Lachmann weiter.
Anna nickt wieder. »Ja!«, sagt sie leise.
»Jetzt ist auch das Schönste vorbei«, flüstert Frau Lachmann Anna ins Ohr. »Jetzt wird es auch den Großen schon lang!«
Wieder nickt Anna.
»Weißt du, was in der Schule am schönsten ist?«, fragt Frau Lachmann sie dann.
Anna sieht sie fragend an. Da beugt sich Frau Lachmann noch einmal zu ihr hinunter und sagt ihr leise ins Ohr: »Am schönsten ist schulfrei!«
Und weil Anna lachen muss, fragt sie gleich weiter: »Soll ich dir jetzt noch ein bisschen schulfrei schenken?«
Anna quietscht vor Vergnügen. »Aber Jonathan muss mich nach Hause bringen!«, sagt sie.
Frau Lachmann geht durch die Klasse und bleibt bei Jonathan stehen. »Deine Schwester hat jetzt schulfrei!«, sagt sie. »Bringst du sie nach Hause?« Sie legt den Arm um Fabian. »Der Fabian geht auch noch mit, damit ihr nichts passiert.«
Sie blinzelt den anderen Kindern zu. Die verstehen das. Da ärgert sich keiner, dass Jonathan und Fabian schon früher nach Hause gehen dürfen.
Als die drei dann über den Schulhof gehen, dreht sich Anna noch einmal um. Am Fenster steht Frau Lachmann und sieht ihnen nach. »Nächstes Jahr bin ich wieder hier!«, ruft Anna so laut sie kann.
Da winkt ihr Frau Lachmann zu. Und dann sind noch viele Kinder bei Frau Lachmann am Fenster und winken. So viele, dass Anna sie nicht zählen kann.
Ja, nächstes Jahr, da wird sie auch hier in der Schule sein. Am liebsten bei Frau Lachmann.
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